Donnerstagsgedanken

Schlechtwetterneid

Das schottische Wetter ist nicht zu Unrecht übel beleumdet, doch manchmal zeigt es sich auch so strahlend und blank wie eine Wirtshausküche am Tag einer vorangekündigten Prüfung durch das Gesundheitsamt. Seit hier in Glasgow vor zwei Wochen doch noch der Frühling ausgebrochen ist, scheint die Sonne ein Einsehen zu haben mit den Bäumen, die sich in frischem Grün, in Weiß und Rosa herausgeputzt haben. Selbst die fetten Wolken, die sich dann doch immer wieder einmal vor die Sonne schieben, sind weiß und weich und heimelig wie in einem Bilderbuch.

Unterdessen, höre ich, ist daheim noch einmal der Winter zurückgekehrt: Fast schon Ende April, aber durch die Straßen von Wien fegt ein Schneesturm, wie man ihn selbst im eisigsten Januar nicht erlebt hat, und im Umland sehen die Obst- und die Weinbauern mit Bangen dem erwarteten Nachtfrost entgegen…

Ein oder zwei Tage später erzählen meine Eltern, sie seien um vier in der Früh von Rauchgeruch aus dem Schlaf gerissen worden. Aber nicht das Haus brannte etwa, sondern nur das aufgeschichtete Stroh in den Weingärten rund um das Dorf. Die Winzer hatten es angezündet, um die schon austreibenden Reben vor dem noch einmal und viel zu spät wiederkehrenden Nachtfrost zu schützen. Auf Facebook teilt ein Schulfreund, der Weinbauer ist, Fotos der nächtlichen Aktion: Die Hänge über dem See stehen in Flammen wie eine Vulkanlandschaft, Rauchschwaden ziehen durch das orange aufleuchtende Dunkel. Es ist eine Maßnahme so alt wie banal, das Bekämpfen der Kälte durch Feuer. Und doch scheinen die Bilder etwas in sich zu tragen, das jenseits des Praktischen liegt, scheint in den nächtlichen Feuern eine Erinnerung an längst überwundenen Aberglauben zu schwelen, als handle es sich um das rituelle Ausräuchern, mit dem man in den Raunächten den Winter vertreibt.

Und gerne tauschte ich beim Anblick dieser Bilder das grelle Frühlingslicht mit den mystischen Anwandlungen des Winters, wünschte wenigstens, dass der Wind vom Meer dichte Nebel hereintrüge und das irre Gelächter von drei alten Hexen. Aber die weißen Flocken, die vor meinem Fenster vorüberziehen, sind nur Blütenblätter, die von den Bäumen wehen, und der Lärm nur die Busse auf der Pollokshaws Road. Wenn ich die Augen schließe, klingen sie auch nichts anders als der 74A auf der Landstraßer Hauptstraße. Aber wenn ich die Augen schließe, dann laufe ich ernsthaft Gefahr, dass ich vor Behagen in der Sonne zu schnurren beginne wie die Katze im Fenster schräg gegenüber, und das wäre so gar nicht im Sinn dieses Textes…

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bagetbon

Schuld ist ja der Qualtinger. Also eigentlich eher der hier schon einmal erwähnte Ernst Molden, dessen im Wiener Dialekt gesungene Lieder schon seit Monaten – zusammen mit Lucinda Williams, Francesco De Gregori, Graindelavoix und Le Poème Harmonique – gewissermaßen das Rückgrat meiner persönlichen Musikauswahl bilden. Denn es ist ja so, dass ich prinzipiell stets an Historischem, Vergangenem und Vorangegangenem interessiert bin, und das gilt auch in der Musik. D.h., um ein prominentes Beispiel zu nennen, wenn ich die Rolling Stones höre, höre ich über kurz oder lang auch Elmore James und von Elmore James lande ich dann bei Robert Johnson und von dort wiederum bei Skip James usw. usf.

Auch von Ernst Molden ließe sich eine Linie ziehen zum Delta Blues der 30er-Jahre, wie ihn die vorgenannten James und Johnson repräsentieren, eine andere, mindestens genauso wichtige Linie aber führt – mit optionalem Zwischenhalt bei Willi Resetarits – zu Helmut Qualtinger, der 1963 eine Reihe von H. C. Artmanns Wiener Mundart-Gedichten in Vertonungen von Ernst Kölz aufnahm. Und so war es nur konsequent, dass ich über die skizzierte Ahnenreihe schließlich bei Artmanns med ana schwoazzn dintn. gedichta r aus bradnsee von 1958 anlangte, mich wenig später im alten, von der Fani-Tant’ geerbten Fauteuil wiederfand und etwas tat, was man sonst eigentlich eher selten tut: einen Gedichtband von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchzulesen.

Die erste Überraschung kam dann gleich beim kurzen Vorwort, denn ich musste feststellen, dass dieses ausgerechnet von Hans Sedlmayr stammt – einem Alt-Nazi, der auch nach dem Krieg vehement und einflussreich als Modernekritiker auftrat und daher wenig verwunderlich das „Volksmäßige“ in Artmanns Lyrik betont. Ein Missverständnis, das den radikal-experimentellen Charakter des Werkes übersieht (oder bewusst unter den Teppich kehrt), in der darauffolgenden ausführlichen Einleitung von Friedrich Polakovics jedoch zurechtgerückt wird: „Lassen wir uns nicht täuschen durch scheinbare Volkstümlichkeit oder gar Simplizität! H. C. Artmanns Dialektgedichte, obwohl mit dem Mund des Volkes gesprochen, kommen nicht aus ihm.“

Zumindest stellenweise überraschend, durchgehend aber faszinierend fand ich dann die Konsequenz mit der Artmann den Wiener Dialekt verschriftlicht hat. Oft ist es ja so, dass Mundart in geschriebener Form ein Stück weit in Richtung Hochsprache gerückt wird, um sie leichter verständlich zu machen. Bei Artmann hingegen findet sich nichts dergleichen, hier versuchen die Buchstabenfolgen, eins zu eins das Klangbild des Gesprochenen wiederzugeben, was zu so wunderbaren Schreibweisen wie olasön [Allerseelen], schdotbak [Stadtpark] oder agazebam [Akazienbaum] führt. Besonders angetan aber hat es mir das Wort bagetbon, das auch für mich erst aus dem Verwendungskontext als eingewienerter Parkettboden erkennbar wurde. Ja, so sehr hat mich dieses Wort begeistert, dass ich nicht umhin konnte, es auch selbst in einem Gedicht zu verarbeiten. Nun bin ich zwar kein H. C. Artmann, aber man darf sich den folgenden poetischen Versuch durchaus im Ton von Artmanns ringlgschbüübsizza [Ringelspielbesitzer] vorstellen:

med an schwoazzn zangl zah r e da
wannst schlofst de negl ausn baget
grod so vü nua
dass d da de fuasssoen aufreisst
beim aufsteh in da frua

und dass d a bluadige spua ziagst am bagetbon
en gaunzn weg vom schlofzimma zua r heisltia