Donnerstagsgedanken

bagetbon

Schuld ist ja der Qualtinger. Also eigentlich eher der hier schon einmal erwähnte Ernst Molden, dessen im Wiener Dialekt gesungene Lieder schon seit Monaten – zusammen mit Lucinda Williams, Francesco De Gregori, Graindelavoix und Le Poème Harmonique – gewissermaßen das Rückgrat meiner persönlichen Musikauswahl bilden. Denn es ist ja so, dass ich prinzipiell stets an Historischem, Vergangenem und Vorangegangenem interessiert bin, und das gilt auch in der Musik. D.h., um ein prominentes Beispiel zu nennen, wenn ich die Rolling Stones höre, höre ich über kurz oder lang auch Elmore James und von Elmore James lande ich dann bei Robert Johnson und von dort wiederum bei Skip James usw. usf.

Auch von Ernst Molden ließe sich eine Linie ziehen zum Delta Blues der 30er-Jahre, wie ihn die vorgenannten James und Johnson repräsentieren, eine andere, mindestens genauso wichtige Linie aber führt – mit optionalem Zwischenhalt bei Willi Resetarits – zu Helmut Qualtinger, der 1963 eine Reihe von H. C. Artmanns Wiener Mundart-Gedichten in Vertonungen von Ernst Kölz aufnahm. Und so war es nur konsequent, dass ich über die skizzierte Ahnenreihe schließlich bei Artmanns med ana schwoazzn dintn. gedichta r aus bradnsee von 1958 anlangte, mich wenig später im alten, von der Fani-Tant’ geerbten Fauteuil wiederfand und etwas tat, was man sonst eigentlich eher selten tut: einen Gedichtband von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchzulesen.

Die erste Überraschung kam dann gleich beim kurzen Vorwort, denn ich musste feststellen, dass dieses ausgerechnet von Hans Sedlmayr stammt – einem Alt-Nazi, der auch nach dem Krieg vehement und einflussreich als Modernekritiker auftrat und daher wenig verwunderlich das „Volksmäßige“ in Artmanns Lyrik betont. Ein Missverständnis, das den radikal-experimentellen Charakter des Werkes übersieht (oder bewusst unter den Teppich kehrt), in der darauffolgenden ausführlichen Einleitung von Friedrich Polakovics jedoch zurechtgerückt wird: „Lassen wir uns nicht täuschen durch scheinbare Volkstümlichkeit oder gar Simplizität! H. C. Artmanns Dialektgedichte, obwohl mit dem Mund des Volkes gesprochen, kommen nicht aus ihm.“

Zumindest stellenweise überraschend, durchgehend aber faszinierend fand ich dann die Konsequenz mit der Artmann den Wiener Dialekt verschriftlicht hat. Oft ist es ja so, dass Mundart in geschriebener Form ein Stück weit in Richtung Hochsprache gerückt wird, um sie leichter verständlich zu machen. Bei Artmann hingegen findet sich nichts dergleichen, hier versuchen die Buchstabenfolgen, eins zu eins das Klangbild des Gesprochenen wiederzugeben, was zu so wunderbaren Schreibweisen wie olasön [Allerseelen], schdotbak [Stadtpark] oder agazebam [Akazienbaum] führt. Besonders angetan aber hat es mir das Wort bagetbon, das auch für mich erst aus dem Verwendungskontext als eingewienerter Parkettboden erkennbar wurde. Ja, so sehr hat mich dieses Wort begeistert, dass ich nicht umhin konnte, es auch selbst in einem Gedicht zu verarbeiten. Nun bin ich zwar kein H. C. Artmann, aber man darf sich den folgenden poetischen Versuch durchaus im Ton von Artmanns ringlgschbüübsizza [Ringelspielbesitzer] vorstellen:

med an schwoazzn zangl zah r e da
wannst schlofst de negl ausn baget
grod so vü nua
dass d da de fuasssoen aufreisst
beim aufsteh in da frua

und dass d a bluadige spua ziagst am bagetbon
en gaunzn weg vom schlofzimma zua r heisltia

Oben

Ein Beitrag zur Blogparade Über den Wolken von Reisebloggerin.

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Wien, ein Tag Anfang Dezember, die Christkindlmärkte haben schon geöffnet, aber von Weihnachtsstimmung noch keine Spur. Stattdessen Novemberwetter: Nieselregen und Nebel. Ein Tag, um sich hinterm Ofen zu verkriechen, aber ich bin schon in aller Herrgottsfrüh auf dem Weg zum Flughafen. Destination Zürich, für ein Bewerbungsgespräch an der dortigen Universität fliege ich am Morgen hin und am selben Abend wieder zurück.

Die meisten meiner Mitpassagiere scheinen einen ähnlichen Plan zu haben, denn Reisegepäck hat keiner von ihnen, dafür scheinen sie standardmäßig mit Aktentasche oder –köfferchen ausgestattet zu sein. Es sind allesamt Businnesstypen, Banker, Anzug, Krawatte und das, was meine achtzigjährige Großmutter als anständige Herrenfrisur bezeichnen würde. Hätten sie auch noch Hüte auf, ich würde meinen, in eine Neuinszenierung von Momo geraten zu sein, gerade als die Grauen Herren ihren Auftritt haben. Tatsächlich sehe ich viele von ihnen dann beim Rückflug nach vollbrachtem Tagwerk wieder und muss dabei an einen Schulfreund denken, den ich kurz davor auf einem Klassentreffen zum ersten Mal seit Langem wieder gesehen hatte. Er arbeitete damals im Finanzministerium – genauer gesagt für den bestgeföhnten Finanzminister, den die Republik je zu erdulden hatte – und war für diverse EU-Agenden zuständig. Also, erzählte er, dass er meist mehrmals die Woche in einem Tag nach Brüssel und retour flog, was einigen beim Klassentreffen irgendwie glamourös vorkam. War es aber nicht, wie er versicherte. Im Grunde nämlich sei es auf dem Morgenflug nach Brüssel nicht anders als im Pendlerzug von Pamhagen nach Wien – auf die Dauer nervig, und man sehe jedes Mal dieselben gelangweilten Gesichter.

Aber eigentlich will ich ja gar nicht vom Rückflug erzählen, sondern vom Hinflug. Auch der beginnt reichlich unspektakulär, das Flugzeug fährt die nasse Startbahn entlang, von meinem Fensterplatz aus sehe ich die verwaschene Landschaft der Ebene vor Wien. Dann heben wir ab, und während wir langsam an Höhe gewinnen, sehe ich draußen nur noch das nieselige Nebelgrau. Nach wenigen Minuten aber haben wir den Nebel hinter uns gelassen oder besser gesagt unter uns. Rundherum ist plötzlich strahlend blauer Himmel und eine große gelbe Sonne, als wären wir unversehens mitten in eine Kinderzeichnung hineingeflogen. Und unter uns die dichten Nebel- und Wolkenbänke, wie ein einziges überdimensioniertes Wattepad, das sich von Wien bis Zürich durchzieht.

Der Flug geht dann erstaunlich schnell vorüber, schneller jedenfalls als ich es gewohnt bin, denn die Strecke ist nur halb so lang wie meine üblichen Flugrouten. Meine üblichen Routen nämlich führen von Wien nach Großbritannien – London, Glasgow, Edinburgh – und retour. Der Abendflug nach Gatwick fühlt sich für mich mittlerweile tatsächlich fast so an wie ein täglicher Pendlerzug, ich kenne die Wege an Start- und Zielflughafen in- und auswendig, weiß die Fahrpläne der Züge von und zu den Flughäfen. Zürich jedenfalls, nur halb so weit entfernt, kommt überraschend schnell für mich, aber noch bevor ich auch nur irgendetwas von der Stadt sehe, erblicke ich die Berge, und es ist ein Anblick, der sich fast nur mit einem abgedroschenen Adjektiv wie atemberaubend beschreiben lässt.

Gewiss, Berge vom Flugzeug aus betrachtet sind immer beeindruckend, aber an diesem Tag bieten sie ein besonderes Schauspiel, denn was man sieht, sind genaugenommen ja nur ihre Spitzen, die wie Eisberge über dem Meeresspiegel aus der durchgehenden Wolkenbank emporragen. Eine Gruppe scharf konturierter Gipfel aus Fels und Schnee und Eis, die, hinterlegt von blauer Himmelsfolie, das Sonnenlicht reflektieren. Fast zum Greifen nahe wirken sie, in einer Umgebung, in der sonst gar nichts Greifbares zu existieren scheint. Inseln inmitten von Himmel und Wolken, die sich scheinbar endlos rundumher erstrecken. Eine einsame Andeutung, dass es auch du unten, unter den Wolken noch so etwas wie eine Welt gibt, mit Landebahnen, Banken und Universitäten, an denen man in zwei Stunden für ein Bewerbungsgespräch verabredet ist…

Die Stelle, um die es ging, habe ich dann übrigens doch nicht bekommen, aber die Reise, die war es trotzdem wert.

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